10 – Alaska – Gletscher, Wildnis und fliegende Autos

Alaska – Gletscher, Wildnis und der verrückteste Nationalfeiertag überhaupt

Nach unserer Rückkehr vom Dempster Highway hiess es Abschied nehmen vom Yukon. Über den Top of the World Highway machten wir uns auf den Weg nach Alaska. Vor einigen Jahren waren wir diese Strecke bereits gefahren – damals allerdings komplett in den Wolken. Diesmal zeigte sie sich von ihrer schönsten Seite. Bei strahlendem Sonnenschein genossen wir die endlosen Ausblicke, bevor wir am Nachmittag die Grenze zu den USA erreichten.

Entgegen allen Geschichten, die man über die Einreise in die USA hört, verlief der Grenzübertritt völlig unkompliziert. Ein paar Fragen zu unserer Route und unserem Aufenthalt, ein Foto, ein kurzer Blick in die Pässe – und schon durften wir bis Ende Dezember in die USA einreisen.

Unsere ersten Tage in Alaska verbrachten wir rund um Chicken und Tok. Neben den üblichen Besorgungen für den Camper – Vorräte auffüllen, Ersatzmaterial besorgen und die Drohne für die USA registrieren – liessen wir es bewusst etwas ruhiger angehen.

Von Tok aus führte unser Weg in den Wrangell–St. Elias National Park – den grössten Nationalpark der USA. Seine Dimensionen sind kaum vorstellbar: Die Schweiz würde mehr als einmal komplett in dieses Schutzgebiet passen. Da nur zwei Strassen in den Park führen, bleibt der grösste Teil dieser Wildnis völlig unberührt. Die Nabesna Road haben wir nur ziemlich kurz erkundet, da sich das Wetter von seiner unschönen Seite zeigte und uns mit der McCarthy Road stand ja gleich noch eine Schotterstrasse bevorstand.

Die McCarthy Road wartete mit abgesackten Strassenteilen, Schlaglöchern, Wellblechpisten und herausragenden Baumstammresten auf. Darüber, ob die Teer- oder die Schotterabschnitte schlimmer waren, konnten wir uns nicht ganz einigen. Aber hinter jeder Kurve warteten Landschaften, die jeden Fahrstress vergessen liessen und die jede Anstrengung wert waren. Gletscherflüsse schlängelten sich durch riesige Flussbetten, eingerahmt von gewaltigen Bergketten – genau das Alaska, das uns so sehr in Erinnerung geblieben war. Unser Campingplatz direkt an der Fussgängerbrücke nach McCarthy bot einen fantastischen Blick auf den Fluss und war der perfekte Ausgangspunkt für den nächsten Tag.

Mit einem Shuttle ging es hinauf zur Kennicott Mine und von dort starteten wir unsere Wanderung zum Root Glacier. Der Weg führt erst durch die Mine und dann durch ein Waldstück entlang des Kennicott Glaciers. Bei diesem erkennt man auf den ersten Blick nicht, dass es sich um einen Gletscher handelt, da er von einer Geröllschicht bedeckt ist. Stellenweise aber kann man die darunterliegenden Eisbrocken erkennen und spannend anzusehen ist, dass das Geröll seine Spuren in unterschiedlichen Farben gezogen hat. Nach einiger Zeit kann man in der Ferne schon den Root Glacier erkennen, zu dessen Fuss man wandert. Dieser ist nicht von Geröll bedeckt sondern leuchtet weiss und je nach Sonneneinstrahlung teilweise tiefblau in der Landschaft. Dahinter die gewaltige Berglandschaft. Ein Traum. Da das Eis griffig genug war, wagten wir uns sogar ein Stück auf den Gletscher hinaus. Ohne Steigeisen, aber mit der nötigen Vorsicht, standen wir kurze Zeit später mitten auf dem Eis und blickten auf den beeindruckenden Stairway Icefall. Wir standen schon auf mehreren Gletschern, aber wir sind jedes Mal wieder tief beeindruckt. Nach der Wanderung erkundeten wir die historischen Gebäude der ehemaligen Kennicott Minen. Es gibt spannende Ausstellungen in den einzelnen Gebäuden, die einem das Leben der damaligen Zeit näher bringen.

Auf der Rückfahrt Richtung Valdez wartete ein unvergessliches Erlebnis auf uns. An der Chitina Bridge hielten wir zunächst nur an, um Einheimischen beim Fischen zuzusehen und am Ende der Schotterstrasse wieder Luft in die Reifen zu pumpen. Doch schon nach wenigen Minuten bemerkten wir die ersten Weisskopfseeadler. Aus einigen wenigen wurden immer mehr. Wir beobachteten weit über zwanzig Adler, die über unseren Köpfen kreisten, auf den Bäumen sassen oder dicht an uns vorbeiflogen. Wir standen schlussendlich über eine Stunde auf der Brücke, winkten vorbeifahrenden Einheimischen, die sich vermutlich über uns wunderten, und kamen aus dem Staunen gar nicht mehr raus. Nur schwer konnten wir uns von diesem Anblick losreissen!

Über den Thompson Pass, vorbei am Worthington Glacier und durch den wunderbaren Keystone Canyon erreichten wir schliesslich Valdez. Das Wetter zeigte sich dort zunächst von seiner regnerischen Seite, doch später klarte es dann doch noch auf. Und beim Abendessen haben wir das noch geöffnete Ticketoffice von «Stan Stephens Glacier & Wildlife Cruises « gesehen. Wenn das nicht ein Zeichen war, wie wir den morgigen Geburtstag feiern sollten. Spontan haben für den folgenden Tag eine sechsstündige Bootstour gebucht. Und was für eine Bootstour uns da erwartete!

Bei strahlendem Sonnenschein lief das Boot aus dem Hafen aus. Schon kurz danach tauchten die ersten Seeotter und Seehunde auf. Im Prince William Sound begegneten wir anschliessend einer unglaublichen Anzahl von Buckelwalen. Überall waren Wasserfontänen zu sehen, während die Tiere immer wieder auftauchten. Höhepunkt der Tour war jedoch der Columbia Glacier – ein gewaltiger Gezeitengletscher, der direkt ins Meer mündet. Langsam navigierte unser Kapitän durch ein Labyrinth aus Eisschollen so nah wie möglich an die imposante Gletscherfront heran.

Auf dem Rückweg warteten weitere Überraschungen: Seelöwen auf den Felsen, Papageientaucher über dem Wasser und schliesslich sogar ein Weisskopfseeadler, der auf einer treibenden Eisscholle sass. Es war einer jener Tage, an denen man kaum weiss, wohin man zuerst schauen soll.

Am folgenden Tag haben wir uns von Valdez verabschiedet und bei nur leicht besserem Wetter als bei der Anreise die eindrücklichen Wasserfälle im Keystone Canyon bewundert. Anschliessend fuhren wir gemütlich weiter auf dem Glenn Highway Richtung Matanuska Glacier bis nach Glacier View.

Dort wartete das bisher verrückteste Erlebnis auf uns. Den 4. Juli feiert man in Glacier View mit dem «4th of July Car Launch». Dieser lockt jedes Jahr Tausende Besucher an. Schon Stunden vor Beginn füllte sich das Gelände mit Menschen in rot-weiss-blauen Outfits, während die bunt dekorierten Fahrzeuge unten am Fluss ausgestellt waren. Musik lief, die Foodtruck standen bereit.  Es konnte losgehen. Als die Show begann, folgte ein verrückter Höhepunkt dem nächsten. Ein riesiger Feuerball eröffnete das Spektakel, kurz darauf stürzte das erste Auto unter lautem Jubel der Zuschauer die Klippe hinunter. Während über unseren Köpfen Flugzeuge und Helikopter kreisten und sogar die Küstenwache im Tiefflug vorbeiflog, folgte Auto auf Auto. Zwischendurch geriet eines der Fahrzeuge in Brand, ehe Bulldozer den Weg freiräumten und die Show weitergehen konnte.

So verrückt das Ganze auch war – die Begeisterung der 10’000 Menschen um uns herum war ansteckend und machte diesen Nationalfeiertag zu einem Erlebnis, das wir so sicher nie wieder erleben werden. Und ja, sie räumen danach alles wieder auf!

Den Abend liessen wir schliesslich an einem ruhigen Stellplatz mit direktem Blick auf den Matanuska-Gletscher ausklingen. Was für ein Tag!


Diverse Bilder: