Auf dem Dempster Highway bis zum Arktischen Ozean – ein Abenteuer ans Ende der Strasse
Schon seit Beginn unserer Reise war der Dempster Highway eines unserer grossen Ziele. 880 Kilometer Schotterstrasse, zwei Fähren, unendliche Wildnis und am Ende der Arktische Ozean.
Bevor wir Dawson City verliessen, wurden noch einmal alle Vorräte ergänzt, Wasser aufgefüllt und der Tank bis zum Rand gefüllt. Schon auf den ersten Kilometern begegnete uns ein Elch – ein perfekter Start in dieses Abenteuer. Kurz vor der Abzweigung zum Dempster gaben wir sogar noch spontan ein Interview für CBC Radio Canada zum Zustand des Highways, bevor wir schliesslich gemeinsam mit Daniela und Marcel auf die legendäre Schotterpiste abbogen.
Lange liess das erste Souvenir des Dempsters nicht auf sich warten: Bereits nach rund 30 Kilometern traf uns der erste Steinschlag. Zum Glück blieb es bei einem kleinen Schaden, den Dani mit unserem Reparaturset direkt auf dem Campingplatz im Tombstone Territorial Park beheben konnte.
Der Park selbst begeisterte uns sofort. Bei einer kleinen Wanderung entdeckten wir einen noch teilweise gefrorenen Fluss, auf dessen Eis sich die einzelnen Schichten eindrucksvoll erkennen liessen. Am Abend beobachteten wir auf dem Beaver Trail sogar noch einen Biber, der sich von seiner besten Seite zeigte.
Mit jedem Kilometer veränderte sich die Landschaft. Farbenfrohe Flüsse, deren Gelb- und Rottöne von den Mineralien im Gestein stammen, schroffe Berge, blühende Tundra und eine Weite, die sich kaum in Worte fassen lässt.
In Eagle Plains wartete die nächste Herausforderung: Millionen von Moskitos. Noch nie zuvor hatten wir derart viele Mücken auf einmal gesehen. Zum ersten Mal kamen unsere Mückennetze zum Einsatz, während Dani tapfer den Camper auftankte. Wenig später erreichten wir einen weiteren grossen Meilenstein: den Polarkreis. Natürlich durfte dort ein Erinnerungsfoto nicht fehlen – auch wenn dies von Horden von Mosiktos erschwert wurde.
Je weiter wir Richtung Norden fuhren, desto spektakulärer wurde die Landschaft. Schwarze Felsen mit leuchtend grünem Moos erinnerten uns zeitweise an Island, während sich hinter jeder Kurve neue, beinahe bilderbuchartige Ausblicke eröffneten. Doch der Dempster wäre nicht der Dempster ohne Überraschungen.
Am Peel River mussten wir plötzlich anhalten: Die Fähre konnte wegen des hohen Wasserstands nicht mehr anlegen. Niemand wusste, ob die Sperrung zwei Stunden oder mehrere Tage dauern würde. Gemeinsam mit vielen anderen Reisenden warteten wir ab 11 Uhr morgens geduldig am Flussufer. Im Laufe des Tages wurde die Schlange der Wartenden immer grösser. Erst kurz nach zwei Uhr morgens klopfte plötzlich jemand an unsere Türe – wir waren grad ins Bett gegangen – die Rampe wurde neu gebaut, die Fähre konnte wieder fahren. Hektisch verstauten wir alles fahrsicher und setzten im Pyjama über den Fluss. Aber was für ein Anblick war das, nachts um 2 Uhr die tiefrote Mitternachtssonne am Horizont.
Nach ein paar Stunden Schlaf und einer weiteren Fährüberfahrt über den Mackenzie River erreichten wir irgendwann Inuvik. Im Visitor Center wurden wir herzlich empfangen und mit zahlreichen Tipps versorgt. Spontan entschlossen wir uns, hier nicht länger Station zu machen, sondern direkt bis Tuktoyaktuk weiterzufahren.
Hinter Inuvik wurde die Strasse deutlich rauer. Der Camper wurde kräftig durchgeschüttelt. Nach endlosen Wäldern änderte sich die Landschaft langsam hin zu offener Tundra, dazwischen unzählige tiefblaue Seen, von denen viele noch teilweise gefroren waren. Was für ein Anblick!
Und dann war der grosse Moment endlich gekommen: Tuktoyaktuk.
Nach Tausenden von Kilometern standen wir tatsächlich am Ufer des Arktischen Ozeans. Ein Ziel, das lange nur ein Traum gewesen war, war plötzlich Wirklichkeit. Natürlich entstanden die obligatorischen Fotos am Ortsschild und am Arctic Ocean Sign. Unsere Vierer-Reisegruppe wurde durch Petra, Rainer und Heiko erweitert und gemeinsam verbrachten wir den Abend an unserem Campingplatz direkt am arktischen Ozean. Immer wieder kamen Einheimische vorbei, erzählten aus ihrem Alltag oder boten kleine handgemachte Souvenirs an.
Wir entschieden uns, einen weiteren Tag in Tuktoyaktuk zu bleiben. Zwischen kleinen Spaziergängen durch den Ort, Gesprächen mit den Bewohnern und entspannten Stunden in kurzen Hosen und T-Shirt direkt am noch gefrorenen Arktischen Ozean wurde uns bewusst, wie besonders dieser abgelegene Ort ist. Die Ruhe, die Weite und die Menschen machten den Aufenthalt zu einem Erlebnis, das uns in Erinnerung bleiben wird.
Der nächste Tag war National Indigenous Peoples Day. In Tuk gab es ein kleines Programm mit Feierlichkeiten zu dem Tag, wir haben aber den Rückweg Richtung Inuvik angetreten und konnten dort noch einige der Aufführungen bestaunen.
Der Rückweg über den Dempster war ebenso eindrücklich, die neue Fahrtrichtung zeigte uns immer wieder neue Perspektiven auf die Natur. Viele Tiere haben wir auf der Strecke nicht gesehen, aber wir haten das Glück, eine Bärenmama mit ihren Jungen beobachten zu können. Die beiden Jungen hoch oben auf einem Baum, während ihre Mutter darunter Wache hielt und Gras mümmelte. Dass das Leben hier im hohen Norden mitten im Nirgendwo anders läuft, zeigten die Warnschilder für landende Flugzeuge.
Der Staub und die langen Fahrtage setzten uns langsam aber ein bisschen zu, daher waren wir froh, als wir den Tombstone Territorial Park wieder erreichten. Diesmal konnten wir den Goldensides Trail wandern, der bei unserem ersten Besuch wegen Grizzlyaktivität noch gesperrt gewesen war. Nach den vielen Stunden im Auto tat die Bewegung gut, und die Aussicht über die umliegenden Berge war grandios.
Als schliesslich das Dempster-Schild wieder vor uns auftauchte, waren wir auch ein bisschen erleichtert. Wir hatten diese berühmt-berüchtigte Strasse ohne Reifenpanne oder grössere Schäden erfolgreich bewältigt. Und wir müssen auch sagen, dass der Strassenzustand viel besser war, als wir erwartet hatten. Da sind wir schon sehr viel schlimmere Strassen gefahren (wenn auch nicht 1700 Kilometer).
Zurück in Dawson City hatten wir direkt zwei Nächte eingeplant. Rhöni hatte eine gründliche Reinigung nötig. Nach Hunderten von Kilometern auf staubiger Schotterpiste hatte sich der feine Staub wirklich überall verteilt. Einen ganzen Tag lang wurde ausgeräumt, gewaschen, geputzt, gesaugt und wieder eingeräumt.
Die «Arctic-Gruppe» war in der Zwischenzeit wieder vollständig in Dawson angekommen und so haben wir den Abschluss dieser aussergewöhnlichen Etappe gemeinsam gefeiert. Bei einem gemütlichen Abendessen wurden die letzten frischen Lebensmittel verarbeitet, bevor wir am nächsten Tag die Grenze nach Alaska überqueren würden. Anschliessend liessen wir den Abend im legendären Sourdough Saloon ausklingen. Den berüchtigten Sourtoe Cocktail mit dem echten konservierten Zeh überliessen wir allerdings lieber anderen Mutigen.
Der Dempster Highway hat uns gefordert – er war herausfordernd, anstrengend, aber vor allem unglaublich schön. Wir sind sehr froh, dass wir diese Strecke gefahren sind, auch wenn wir es kein zweites Mal machen möchten.
Hier ein paar Drohnenaufnahmen (mein erstes richtiges Youtube-Video – 4k)



































